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Wie viel Verantwortung muss eine junge Generation für die Sicherheit Deutschlands übernehmen? Welche Rolle kann oder soll Wehrdienst dabei spielen? Und welche Folgen hat eine mögliche Wehrpflicht für das Leben junger Menschen? Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigte sich das Ahauser Schlossgespräch am Mittwoch, 16. September, zum Thema „Wehrpflicht – ja, nein, warum?“. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur politische und sicherheitspolitische Fragen, sondern ganz konkret auch die Perspektiven derjenigen, die von den aktuellen gesetzlichen Veränderungen unmittelbar betroffen sein werden.
Auf dem Podium diskutierten Jürgen Coße (SPD), Mitglied des Deutschen Bundestages und seit dem 21. Mai 2025 unter anderem stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, Hauptmann Maria Eck, Jugendoffizierin der Bundeswehr, Dr. Jochen Reidegeld, Theologe am Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften, sowie Mia Müller (Q2), Schülervertreterin des Alexander-Hegius-Gymnasiums. Moderiert wurde das Gespräch von Pfarrer Olaf Goos von der Evangelischen Christus-Kirchengemeinde Ahaus sowie den beiden Schülerinnen Leonora Herbers (Q1) und Nora Laux (Q1) vom AHG.
Veranstaltet wurde das Schlossgespräch von der VHS Ahaus, dem Alexander-Hegius-Gymnasium und seinem Ehemaligenverein (VDE), der Evangelischen Christusgemeinde Ahaus sowie dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
Den aktuellen Anlass für die Diskussion bildet das seit Januar 2026 geltende Wehrdienst-Modernisierungsgesetz (WDG). Alle 18-Jährigen werden angeschrieben und um Angaben zu einem möglichen Wehrdienst gebeten. Für junge Männer ist die Abgabe dieser Angaben verpflichtend. Hintergrund ist der geplante personelle Aufwuchs der Bundeswehr: Bis 2035 soll sie auf insgesamt rund 460.000 Soldatinnen und Soldaten anwachsen.
Damit betrifft das neue Gesetz insbesondere die Generation, die heute noch zur Schule geht. Für die Schülerinnen und Schüler des AHG wurde das Thema deshalb schnell zu einer sehr persönlichen Frage: Was bedeutet der neue Wehrdienst für den eigenen Lebensweg? Welche Auswirkungen könnte er auf Ausbildung, Studium und Berufsplanung haben? Und wie lässt sich die Verantwortung für die Sicherheit des Landes mit den persönlichen Plänen und Vorstellungen junger Menschen vereinbaren?
Zu Beginn des Schlossgesprächs wurde zunächst die Entstehungsgeschichte des Wehrdienst-Modernisierungsgesetzes erläutert. Dabei ging es auch um die Frage, ob das neue Gesetz lediglich eine Modernisierung des bisherigen Verfahrens darstellt oder möglicherweise ein Sprungbrett zur Reaktivierung der Wehrpflicht ist. Hauptmann Maria Eck und Jürgen Coße erläuterten die bisherigen Erfahrungen, gingen auf die Rückmeldungen der angeschriebenen Jugendlichen und deren Bereitschaft zu einem Wehrdienst ein und machten zugleich deutlich, vor welch großen logistischen Herausforderungen die Bundeswehr angesichts des geplanten Aufwuchses steht.
Eine besondere Perspektive brachte Mia Müller als Vertreterin der Schülerinnen und Schüler der Oberstufe ein. Sie machte deutlich, dass die Positionen unter den Jugendlichen durchaus kontrovers sind. Einerseits stoße das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz angesichts der aktuellen Weltlage auf Verständnis. Andererseits werde es kritisch gesehen, weil ein verpflichtender Wehrdienst einen erheblichen Eingriff in die persönliche Lebensplanung junger Menschen darstellen könne.
Insbesondere die Auswirkungen auf Ausbildung und Studium wurden thematisiert. Damit verbunden war auch die Frage der Generationengerechtigkeit: In welchem Umfang kann einer jungen Generation zusätzliche Verantwortung übertragen werden, die bereits mit großen gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert ist? Klimakrise, steigende Wohnkosten und die Zukunft der Renten seien nur einige der Probleme, die von jungen Menschen als Belastungen ihrer Generation wahrgenommen werden. Die Frage, ob ihnen angesichts dessen durch einen verpflichtenden Wehrdienst eine weitere Verantwortung aufgebürdet werden sollte, wurde entsprechend intensiv diskutiert.
Im weiteren Verlauf rückte die aktuelle sicherheitspolitische Lage in Europa in den Mittelpunkt. Dabei wurde insbesondere die Bedrohung durch Russland thematisiert. Auch die veränderte Rolle der Vereinigten Staaten in Europa und die damit verbundenen Herausforderungen für die NATO spielten eine wichtige Rolle. Vor diesem Hintergrund wurde diskutiert, welche Fähigkeiten Deutschland und Europa künftig benötigen und welchen Beitrag die Bundeswehr dabei leisten kann.
Dabei zeigte sich, dass die Einschätzungen zur Sicherheitslage durchaus auseinandergehen. Auch das Publikum wurde immer wieder in die Diskussion einbezogen. Aus den Reihen der Ahauser Bürgerinnen und Bürger sowie der Schülerinnen und Schüler kamen kritische Nachfragen und Gegenpositionen. So wurde beispielsweise die Einschätzung geäußert, die Bedrohung durch Russland werde möglicherweise zu dramatisch dargestellt. Andere Stimmen kritisierten, dass die Diskussion über Sicherheit zu stark auf militärische Antworten konzentriert werde. Pazifistische Positionen sowie die Bedeutung von Diplomatie und der Suche nach politischen Lösungen dürften nicht zu kurz kommen.
Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven machten den Charakter des Schlossgesprächs aus: Es ging nicht darum, eine einfache Antwort auf die Frage „Wehrpflicht – ja oder nein?“ zu geben. Vielmehr wurde deutlich, wie komplex die Abwägungen zwischen individueller Freiheit, gesellschaftlicher Verantwortung, Friedensethik und sicherheitspolitischen Notwendigkeiten sind.
Mit Dr. Jochen Reidegeld kam dabei eine weitere wichtige Perspektive hinzu. Als Theologe am Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften verbindet er friedensethische Überlegungen mit praktischen Erfahrungen in Krisenregionen. Seine Beiträge machten deutlich, dass die Frage nach dem Wehrdienst immer auch eine ethische Dimension besitzt: Unter welchen Bedingungen ist militärische Gewalt zu rechtfertigen? Welche Verantwortung trägt ein Staat für die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger? Und welche Bedeutung haben Frieden, Diplomatie und internationale Zusammenarbeit?
Damit wurde die Diskussion bewusst über die Frage der Personalgewinnung für die Bundeswehr hinaus erweitert. Es ging auch um die grundsätzliche Frage, wie Frieden gesichert werden kann und welche Verantwortung der Einzelne und die Gesellschaft dabei übernehmen können.
Zum Ende der Veranstaltung wurde noch einmal besonders die Perspektive der Jugendlichen deutlich. Schülerinnen und Schüler aus dem Publikum fragten danach, welchen persönlichen Nutzen ein freiwilliger Wehrdienst überhaupt haben kann. Damit wurde eine weitere Facette der Debatte angesprochen: Neben Pflichten und gesellschaftlicher Verantwortung spielen auch persönliche Erfahrungen, berufliche Orientierung, Qualifikationen und die Frage nach den eigenen Perspektiven eine Rolle.
Das Schlossgespräch zeigte eindrucksvoll, dass die Diskussion über Wehrpflicht und Wehrdienst weit mehr umfasst als die Frage nach der Größe der Bundeswehr. Sie berührt grundlegende Fragen nach Freiheit und Verantwortung, Frieden und Sicherheit, Generationengerechtigkeit und den persönlichen Lebensentwürfen junger Menschen.
Für die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des AHG bot die Veranstaltung deshalb eine wertvolle Möglichkeit, sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit einem Thema auseinanderzusetzen, das ihre eigene Generation unmittelbar betrifft. Die zahlreichen Nachfragen und die teilweise kontrovers geführte Diskussion zeigten, wie groß das Interesse an der Thematik ist.
Am Ende blieb vor allem eines deutlich: Eine einfache Antwort auf die Frage „Wehrpflicht – ja, nein, warum?“ gibt es nicht. Umso wichtiger sind Räume für einen offenen, sachlichen und kontroversen Austausch – wie ihn das Ahauser Schlossgespräch an diesem Abend ermöglicht hat.